Geschichte des Klosters Herzebrock

Nach der Gründungsurkunde (OUB 1 S.27 bis 30) wurde das Kloster Herzebrock im Jahre 860 von der Witwe Waldburg mit Zustimmung ihrer Kinder, der Tochter Duda und den Söhnen Ovo und Luitbrant, auf dem erblichen Eigengut gestiftet und unter den Schutz des Bischofs von Osnabrück gegen Entrichtung näher bestimmter Naturalleistungen gestellt. Waldburg war die Witwe des verstorbenen Ritters Eckmarus, der höchstwahrscheinlich der Familie der Ekbertiner zuzurechnen ist. Die Gründungsurkunde enthält nach den Ergebnissen der Forschung inhaltlich gefälschte Zusätze, die jedoch die Gründung selbst und den Zeitraum nicht in Zweifel ziehen. (s. E. Klueting "Das Kanonissenstift und Benediktinerinnenkloster Herzebrock" S. 48-51, de Gruyter, 1986). Waldburg stattete das Kloster mit 20 Meierhöfen aus, ihr Sohn Bovo übernahm die Vogtei, ihr Sohn Luitbrant übergab dem Kloster seinen Besitz gegen eine lebenslängliche Versorgung und ihre Tochter Duda gilt als erste Äbtissin des Klosters, die in dem bereits 814 gegründeten Benediktinerinnenkloster Liesborn erzogen worden ist. In der Gründungsurkunde wird die Muttergottes als Patronin des Kanonissinnenstiftes aufgeführt, das heute noch durch ein Symbol Mariens, den Stern, auf dem Schlußstein des Chorgewölbes deutlich gemacht ist. Weitere Mitpatroninnen waren die heilige Petronella und die heilige Christina, die aber im Laufe der Jahrhunderte die Muttergottes und Petronella verdrängte, obwohl hin und wieder in manchen Urkunden des 18. Jahrhunderts die Namen Petronella und Christina in einem Atemzug genannt wurden.

Die heilige Christina, eine römische Heilige aus Bolsena/Italien, starb als Mädchen den Märtyrertod, ihre Schädeldecke brachte Bischof Egilmar von Osnabrück im Jahre 9oo von einer Reise von Rom mit nach Osnabrück und schenkte sie dem Kloster Herzebrock. Die Verehrung dieser Reliquie nahm im Mittelalter so stark zu, daß mit einer Urkunde vom 20. Juni 1419, ausgestellt von zwei Kardinälen in Florenz, allen Gläubigen ein 100 Tageablaß gewährt wurde, die am Fest der heiligen Christina, am 24. Juli, in bußfertiger Gesinnung nach Herzebrock wallfahrten, dabei der Kirche ein Geschenk machten und etwas zum Unterhalt des Konvents beitrugen. Sie ist heute die Hauptpatronin der Pfarrkirche, ihre Reliquie steht sichtbar für jedermann auf dem linken Seitenaltar, dem Christinenaltar (s. M. Moscini "Christina di Bolsena" S. 84-91, Bolsena 1991).

Das Kloster wurde 860 in dem Flecken Rossobroc gegründet, was Pferdebruch bedeutet, auf dem Udenbrink, die einzige geringe Anhöhe im Ortskern Herzebrocks, auf der auch die Pfarrkirche steht. Die Vorläufergebäude, eine Holz-, später eine romanische Steinkirche, deren Turm für die in den Jahren 1476/78 errichtete einschiffige, gotische Kirche beibehalten wurde und heute noch seine Funktionen für die 19o1/2 erweiterte Pfarrkirche ausübt, müssen mit dem Kloster in Verbindung gestanden haben.

Im Sommer 1963 wurden auf dem Grundstück westlich des Kirchturms die Grundmauern für den Bau des Christinen Kindergartens ausgehoben. Während dieser Arbeiten kamen Reste von Mauerwerk, längs durchgetrennte, innen ausgehöhlte Baumstämme (wahrscheinlich als Wasserleitung genutzt) und Eichenbretter bzw. Eichenbohlen zum Vorschein. Als im Jahre 1983 eine nördliche Erweiterung des Kindergartens vorgenommen wurde, stießen die Bauarbeiter in einem Meter Tiefe auf zwei parallel laufende, mit Mörtel errichtete Mauern mit einer Stärke von 0,35 und 0,45 cm Dicke und im Abstand von einem Meter. Ferner wurden auch zahlreiche parallel laufende Eichenbretter und Bohlen gefunden. Diese Hinweise lassen den Schluß zu, daß das Kloster auf diesem Grundstück gestanden hat und nach dem dritten Brand des Klosters im Jahre 1314 an die jetzige Stelle nördlich der Kirche verlegt worden ist. Die heute noch bestehenden Gebäude wurden unter der Äbtissin Magdalena von Schüren in den Jahren 1696 bis 1712 errichtet. Im nördlichen Teil ist heute die Heimatstube des Heimatvereins Herzebrock eingerichtet, in der sich noch einige Gegenstände aus der Klosterzeit befinden (s. H.G. Eisenhut: Ein Sprechfenster für die Nonnen im Kloster Herzebrock, Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh 2003 S. 147-149).

Am 7. November 976 urkundete Kaiser Otto II. im Königshof Erwitte "auf Bitten unserer teuersten Gemahlin Theophanu" (...dilectissimae nostrae coniugis THEOPHANU rogatu talem...) für das Kloster Herzebrock, daß das Kloster eine eigene Gerichtsbarkeit erhielt und der Konvent selbständig die Äbtissin und "einen brauchbaren Vogt" wählen konnte (s. H.G. Eisenhut: "Vor 1011 Jahren unterschrieben und gesiegelt", Der Minden Ravensberger 1988 S. 37- 39 und H.G. Eisenhut: "Kaiserin Theophanu, Wohltäterin des Klosters Herzebrock", Der Minden Ravensberger 1994 S. 140-142). Die Verleihung dieses Privilegs war wohl das wichtigste Ereignis des frühen Mittelalters. Es wurde in den Jahren 1532 und 1570 durch die Kaiser Karl V. und Maximilian II. bestätigt, allerdings fehlten dem Konvent in diesen Jahren die Macht und die Kraft, die Wahl eines Vogtes durchzusetzen, da mit der Wahl des Grafen Claus von Tecklenburg am 10. Mai 1465 die Edelvogtei grundsätzlich bis zur Aufhebung des Klosters am 28. Oktober 1803 als "Erbhof" in den Händen des Hauses Bentheim Tecklenburg Rheda verblieb.

Eine ebenso wichtige Urkunde für die Existenz des Klosters war um 1088 die schriftliche Fixierung der Heberolle, eines Verzeichnisses über alle Einkünfte des Klosters (s. Eickhoff: "Die älteste Herzebrocker Heberolle", Programm des Gymnasiums zu Wandsbeck 1882 und 1883).

Der Osnabrücker Bischof Benno II. versuchte im 11. Jahrhundert den Konvent von Herzebrock nach dem Gertrudenberg bei Osnabrück zu verlegen. Der Grund für diese Maßnahme war der angebliche Verfall der Sitten im Kloster. Wahrscheinlich hing das auch mit dem Status der Kanonissinnen zusammen, denn sie hatten ihre eigenen Wohnungen im Kloster, ihr eigenes Vermögen und ihre eigene Dienerschaft. Sie besaßen das Recht, jederzeit das Stift zu verlassen und sich jährlich längere Zeit außerhalb der Mauern aufzuhalten. Lediglich die Äbtissin und die Inhaberinnen höherer Ämter genossen nicht diese Freizügigkeit. Die Pflichten der Kanonissinnen bestanden im Gehorsam gegenüber der Äbtissin und der Führung eines christlichen Lebenswandels. Die Ausübung dieser Privilegien und das sich daraus ergebende Verhalten der Klosterinsassinnen mußte in den Augen des Bischofs wohl zucht- und sittenlos erscheinen.

Es kam dann auch der Zeitpunkt für das Kloster Herzebrock, daß sich die Verhältnisse grundlegend änderten. Im Jahre 1209 wandelte Bischof Gerhard von Oldenburg ohne Rücksicht auf die verbrieften kaiserlichen Rechte das Stift in ein Benediktinerinnenkloster um und setzte seine Schwester Beatrix von Oldenburg als Äbtissin ein. Er verlieh dem Kloster auch die Ausübung des geistlichen Gerichts, das bisher der Archidiakon in Wiedenbrück innehatte. Damit begann eine grundlegende Reform des Klosters, die durch die Äbtissinnen Sophia von Stromberg (1426-1463) weitergeführt und von Sophia von Münster (1463-1500) durch den Aufnahmeantrag in die Bursfelder Kongregation vom 11. Mai 1465 abgeschlossen wurde. Die Benediktinerabtei Bursfeld im Kreis Münden (Niedersachsen) war seit 1433 Mittelpunkt einer Bewegung, die eine strengere Beachtung der Regel des heiligen Benedikt forderte. Mönche und Nonnen sollten in einer straffen und strengen Ordnung leben, Nichteinhaltung der Regeln wurde empfindlich bestraft. Die Aufnahme des Klosters geschah am 5. Tag nach Sonntag Septuagesima 1467 auf der Sitzung der Kongregation im Kloster St. Peter in Erfurt.

Die Erneuerung des Klosterlebens führte auch in Herzebrock zu einer gewissen Blüte. Dem Konvent wurde am 3. März 1474 durch den Bischof von Osnabrück, Konrad von Diepholz, die Pfarrkirche inkorporiert. Damit flossen alle Einnahmen der Kirche dem Kloster zu mit der Auflage, für den Unterhalt und andere kirchliche Ausgaben aufzukommen. Die Inkorporation wurde am 13. Juni 1477 durch Papst Sixtus IV. bestätigt. Ein Bruder der Chorschwester Elisabeth Darfeld holte die Urkunde aus Rom ab. (s. E. Klueting, S. 96) Der neue Prokurator Johannes von Hamm ordnete im Juli 1474 im Einvernehmen mit der Äbtissin den Bau einer neuen Kirche an. Die Bauhütte sollte dafür 50 rheinische Goldgulden, ihre Knechte Kost und Pflege erhalten. Die zinspflichtigen Höfe hatten Steine, Mörtel, Holz und Zubehör zu liefern. Die romanische Kirche wurde abgebrochen, eine einschiffige spätgotische Kirche mit vier längsrechteckigen Jochen, von denen die drei westlichen mit einem Netzgewölbe, unter denen sich der Nonnenchor befand, mit einem Fünfachtel-Chorabschluß wurde errichtet. . Alle Joche sind mit einer farbigen Rankenmalerei, die drei westlichen besonders üppig, ausgemalt, die 1958 bei einer Restaurierung wieder freigelegt wurden. Ferner wurde an der Nordseite der Kirche und des Klosters ein Kreuzgang angebaut, der für die Erweiterung der Kirche in den Jahren 1900/1901 abgebrochen wurde. (s. H.G. Eisenhut: "Vor 100 Jahren gelang die bauliche Erweiterung der Pfarrkirche St. Christina", Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh 2002, S. 133 bis138). Aus der Zeit des spätgotischen Kirchenbaus stammt der sogenannte Rosenkranzaltar, der wohl auf dem Nonnenchor gestanden hat. Teile des Altars befinden sich im Kunstmuseum Münster und der National Gallery in London. Eine farbige Kopie dieser Teile befindet sich in der Heimatstube Herzebrock, (s. H.G. Eisenhut: " Das wechselvolle Schicksal des Marienaltars aus der Klosterkirche Herzebrock", Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh 1993, S. 79 bis 82).

Mit dem Beginn der Reformation geriet das Kloster in eine unruhige und beschwerliche Zeit, in eine Zeit der Unterdrückungen und Schikanen durch den Klostervogt, den Grafen Cord von Tecklenburg (1524 bis 1557), der am Hof des Landgrafen Philipp von Hessen im Sinne der "neuen Religion" erzogen worden war. Ohne Rücksicht auf die Rechte des Klosters regierte er nach eigenem Gutdünken und versuchte gleichzeitig die Reformation in Herzebrock und dem Kloster durchzusetzen. Die Äbtissin des Klosters, Anna von Ascheberg (1533 bis 1564), verhinderte mit ihrer entschiedenen Haltung und großem diplomatischen Geschick die Durchführung der beabsichtigten Reformation. Selbst der Bischof von Osnabrück, Franz von Waldeck, seit 1542 "selbst verdorbenes Salz und ein Anhänger Luthers" (s. L. Huckestein:" Chronik der Pfarrgemeinde Herzebrock" S. 18), konnte sich einschließlich seiner Räte während einer Visitation des Klosters auch nicht durchsetzen. Sie fielen einem fein gesponnenen Plan aufgrund ihrer Begehrlichkeiten nach einem guten Wein und angemessenen Geschenken zum Opfer. Endgültig gerettet war das Kloster mit dem Tod des Bischofs 1553 und dem Tod des Grafen Cord von Tecklenburg im Jahre 1557. Alle Streitigkeiten mit dem Hause Tecklenburg wurden durch den Bielefelder Vergleich vom 25. März 1565 aus der Welt geschaffen. Allerdings war damit die Eigenständigkeit des Klosters stark eingeschränkt, die Landesherrschaft fiel dem Grafenhaus zu.

Im 30jährigen Krieg wurde das Kloster von durchziehenden Soldaten und Marodeuren gleich welcher Seite mehrfach geplündert und ausgeraubt. Der Konvent floh jeweils in sein festes Haus im befestigten Wiedenbrück.

Die Äbtissin Anna Magdalena von Schüren (1695 bis 1723) entfaltete aufgrund der wieder hergestellten Finanzkraft in den Jahren 1696 bis 1712 eine rege Bautätigkeit. Sie baute das im Jahre 1314 hinter die Kirche verlegte Kloster "ex fundamento" neu und ließ ihr Werk durch mehrere steinerne Urkunden dokumentieren. Am Langhaus ist ein Chronogrammstein eingelassen und am heutigen Pfarrhaus ihr Wappenstein mit der Jahreszahl 1712.

Das Ende der geistlichen Macht im weltlichen Bereich wurde durch den Frieden von Luneville vom 9. Februar 1801 eingeläutet. Aufgrund des Friedensabschlusses verabschiedete der "Ewige Reichstag" in Regensburg am 25. Februar 1803 das letzte Gesetz seiner Existenz, den Reichsdeputationshauptschluß, der das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bedeutete. Mit diesem Gesetz wurde die Säkularisation der geistlichen Güter beschlossen.

Am 28. Oktober 1803 wurden die Nonnen des Klosters Herzebrock auf Ersuchen des Grafen von Rheda durch die Blücherschen Husaren aus Münster gewaltsam vertrieben. Der Konvent klagte gegen die Vertreibung bei dem kaiserlichen Hofgericht und erhielt zweimal eine gegen die Vertreibung gerichtete Entscheidung, aber der Graf ignorierte sie, da die militärische Macht auf seiner Seite stand. Damit endete der positive Einfluß des Konvents auf die Menschen in Herzebrock.

H.G. Eisenhut

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